Ëndërr
Ausstellung in Albanien und Kosovo
Das Langzeitprojekt ËNDËRR wurde zum ersten Mal in Albanien, am Ort des Entstehens ausgestellt. Zu dieser und der zweiten Ausstelllung in Prishtina entstand in Zusammenarbeit mit Trivet_Studio (Fatma und Elsa Paja) eine Gazette.
Das Projekt wurde unterstützt von:
- Schweizer Botschaft in Tirana
- Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), Prishtina
- Pro Helvetia
Link zum Interview mit Tatispace, Albania "Thomas Krempke - Seeing the City Between Reality and Dream"
Grupi ATA Kamez, Tirana - Albanien, März - April 2026

Hani i 2 Robertëve, Prishtina - Kosova, April - Mai 2026

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Träume haben kein Zeitgefühl
«Ich trank schwarzen Fernet, lauschte dem Rauschen der Klimaanlage und dachte an die vergangenen Tage zurück. Ich war völlig erschöpft. Ich wollte schon weg. Albanien ist Erschöpfung. Erholung gibt es nicht, weil man niemals allein ist. Sogar in dem klimatisierten, stillen, leeren Hotel ist die Einsamkeit nur Trug, weil man sich in Gedanken mit ihm, mit Albanien, beschäftigt. Seinen Kerlen, seinem Gestank, seinem Uralter, seiner Schönheit, seinem Dasein, seinem Wahn. In Bajram Curri oder in Kukës kannst du dir nicht einfach sagen: „Jetzt werde ich an etwas anderes denken, zum Beispiel an meine Kindheit. “ Das klappt nicht. Wenn du nach Albanien kommst, kannst du an nichts anderes mehr denken.»
Als ich diesen Satz des polnischen Schriftstellers Andrzej Stasiuk las, brach ich meine Vorbereitungen für eine Reise nach Japan ab und entschied mich, stattdessen nach Albanien zu reisen. Warum weiss ich nicht. Vielleicht, weil ich an nichts anderes mehr denken wollte, und schon gar nicht an meine Kindheit. Ich begann Albanisch zu lernen und in der fremden Sprache zu träumen, mit einem sehr beschränkten Wortschatz. Nächtelang zählte ich von eins bis zehn und suchte Wörter, die ich nicht verstand. Und eines Nachts träumte mir, dass in Zürich alle Strassen albanische Namen trugen, und ich das Gefühl hatte, mich endlich in meiner Heimatstadt viel besser auszukennen. Albanien in meinem Kopf. Grotesk und ein wenig romantisch, das war der Anfang.
Das Romantische hat sich bald verflüchtigt, es verdampfte im Kontakt mit der Wirklichkeit. Geblieben ist der Titel für mein fotografisches Projekt, der sich mir schon früh aufgedrängt hatte, Ëndërr!, das albanische Wort für Traum. Es tauchte in Romanen, Gedichten und in Texten albanischer Lieder auf. Aber auch sonst: als Traum in der Emigration im Ausland Glück und Reichtum zu finden, oder wenigsten in Tirana, der übervollen Hauptstadt. Und in entgegengesetzter Richtung: der Traum von uns Mitteleuropäern nach unberührter Natur, Erholung und billigen Ferien, nach einem unentdeckten, „authentischen“ Tourismusland. Mich faszinierte, dass sich da zwei Träume kreuzen, irgendwo an einem Ort, von dem niemand weiss, wo er sich befindet. Davon wollte ich mit meinen Fotografien erzählen.
So reiste ich im November 2019 endlich nach Tirana, ich wollte die wehenden Fahnen an den beiden Nationalfeiertagen fotografieren, als Ausdruck des Traumes von Unabhängigkeit und Freiheit. Doch Träume sind nicht voraussehbar. Zwei Tage vor den Feiern wurde ich mitten in der Nacht von einem Erdbeben aus dem Schlaf gerissen. Aus den wehenden Fahnen wurde nichts, die Feiern wurden zu nationalen Trauertagen, die Fahnen hingen auf Halbmast und ich reiste wieder ab. Mein zweiter Aufenthalt ein paar Monate später war noch kürzer, Covid, Lock down, Rückflug. Es war grotesk, Albanien entzog sich mir wie ein flüchtiges Traumbild im Licht des Morgens.
Als es dann endlich doch möglich war zu reisen, schien ich der einzige Reisende zu sein – es war wunderbar, für kurze Zeit wenigstens. Denn noch war das Land nicht überschwemmt vom Tourismus und es lebten fast eine halbe Million Albanerinnen und Albaner mehr im Land – inzwischen sind sie alle ausgewandert. Wahrlich, die zwei Träume haben das Land in diesen fünf Jahren durcheinandergewirbelt – zerstört vielleicht. Wer weiss, denn Träume sind verwirrend und schwer zu deuten. Auch ich habe immer wieder die Orientierung verloren in diesen wenigen aber schnellen Jahren, wie im Traum, der nicht gebunden ist an Ort oder Zeit, wo alles überall ist und gleichzeitig geschieht…
Und so schien es mir, dass dieses Land sich in einer anderen Zeit befinde als der Rest Europas, dass es zwischen den Zeiten liege, oder in gar keiner. Es war mir, als ob Albanien schweben würde zwischen seiner nicht allzu fernen Vergangenheit, die gleichzeitig unendlich weit schien, und einer Zukunft, von der man den Eindruck hatte, sie werde sich, bevor sie begonnen hat, wie ein Traum in nichts auflösen, um sich in die vielen Vergangenheiten einzureihen, die scheinbar nie stattgefunden haben. Vielleicht verhält es sich aber auch ganz anders, und in Albanien sind alle Zeiten gleichzeitig vorhanden, aber im Streit miteinander um die Vorherrschaft. Die Zeiten fressen sich gegenseitig auf, sie sind der Geschwindigkeit zum Opfer gefallen: so hatte ich den Eindruck, die Zukunft versuche die Vergangenheit mit aller Betongewalt niederzuwalzen ohne dass es ihr gelingen würde, sie ganz zu zerstören. Immer wieder scheint das Vergangene sich zurückzumelden und der Zukunft auf heimtückische Weise das Fundament zu entziehen. Und jetzt, wo ich am Ende meines Projektes stehe, mit all den vielen Bildern, mit den vielen fotografierten Gegenwarten, die inzwischen ausnahmslos Vergangenheit sind, was jetzt? Einige dieser festgehaltenen Momente waren Zeugen für den Wunsch nach einer Zukunft, auch sie sind jetzt Vergangenheit, vergangene Zukunft, wenn man so will… Ja, mein Fotografieren kam immer ein bisschen zu spät – wie alles Fotografische vielleicht.
Und manchmal wache ich auf, mitten in der Nacht, erschöpft und kann doch nicht mehr schlafen. Ich erinnere mich an nichts mehr und weiss nicht, in welchen Traum ich geraten bin. Die Bilder, die Fotografien, sie immerhin, bleiben mir und ich kann mich im Glauben trösten, dass es vielleicht manchmal gelungen ist, wenigstens Schatten der Vergangenheit und der Zukunft eingefangen zu haben.
Thomas Krempke, 2026
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